Kurzfassung
- Neun Schritte von der Lageerfassung bis zu Lessons Learned.
- Isolation und Beweissicherung gehen vor schneller Bereinigung.
- Backups und Identitäten sind die entscheidenden Hebel des Wiederanlaufs.
- Kommunikation und Meldewege werden bewusst gesteuert, nicht improvisiert.
- Die Checkliste ergänzt den Notfallplan, ersetzt ihn aber nicht.
Zielgruppe
Krisenstab, IT-Einsatzleitung, Admins, Security- und Datenschutzverantwortliche, die im Ernstfall eine geordnete Reaktion sicherstellen müssen.
Wichtiger Hinweis
Diese Inhalte ersetzen keine rechtliche, forensische oder organisatorische Einzelfallberatung. Im Ernstfall sollten DFIR-Dienstleister, Polizei oder ZAC, gegebenenfalls das BSI und juristische Beratung eingebunden werden.
Typische Frühindikatoren
- Erpressernotizen oder unbekannte Dateiendungen auf Servern
- Auffällige Anmeldungen privilegierter Konten
- Deaktivierung von EDR-, Antivirus- oder Backup-Agenten
- Ungewöhnlicher ausgehender Datenverkehr
- Backup-Jobs schlagen plötzlich fehl oder werden gelöscht
1. Lage erfassen
- Wer hat was wann beobachtet? Kurz schriftlich festhalten
- Welche Systeme, Standorte und Geschäftsprozesse sind betroffen?
- Liegen Erpressernotizen, Lösegeldforderungen oder Hinweise auf Datenabfluss vor?
- Erste Lageeinschätzung mit Zeitstempel an Krisenstab und Geschäftsführung
- Out-of-band-Kommunikationskanal etablieren (Telefon, separate Messenger)
2. Systeme eingrenzen
- Auffällige Endgeräte und Server identifizieren
- Eintrittsvektor, betroffene Identitäten und Bewegungswege grob skizzieren
- Kritische Systeme und Kronjuwelen priorisieren
- Externe Schnittstellen, VPN und Fernwartungen einbeziehen
3. Ausbreitung stoppen
- Betroffene Systeme vom Netz trennen, nicht herunterfahren
- Netzwerksegmente isolieren, kritische Verbindungen blockieren
- Privilegierte Konten sperren oder Passwörter rotieren
- Externe Zugänge (VPN, RDP, Fernwartung) prüfen und ggf. abschalten
- Backup-Systeme vom produktiven Netz isolieren
4. Beweise sichern
Saubere Beweissicherung ist die Voraussetzung für Forensik, Versicherung, Strafverfolgung und tragfähige Lessons Learned. Sie hat Vorrang vor schnellen Bereinigungen.
- Speicherabbilder (RAM-Dumps) der betroffenen Systeme erstellen lassen
- Logs aus Endpoints, Firewalls, Proxy, EDR und Identitätsdiensten exportieren
- Erpressernotizen, Dateinamen, Pfade und Zeitstempel dokumentieren
- Verschlüsselte Beispiel-Dateien und Originalformate aufbewahren
- Konten als kompromittiert markieren, lieber deaktivieren als löschen
5. Verantwortlichkeiten klären
- Krisenstab formal aktivieren und Besetzung dokumentieren
- Einsatzleitung IT, Kommunikation, Recht und Datenschutz benennen
- Externe Partner einbinden: DFIR, Rechtsbeistand, Cyberversicherung
- Schichtplan für längeren Vorfall festlegen
- Entscheidungs- und Eskalationswege schriftlich fixieren
6. Kommunikation steuern
- Eine sprechende Stelle nach außen, abgestimmte interne Sprachregelung
- Mitarbeitende sachlich und faktenbasiert informieren
- Kunden und relevante Partner zeitnah und einheitlich informieren
- Kommunikationsvorlagen aus dem Notfallplan nutzen und anpassen
- Mögliche Melde- und Anzeigewege juristisch bewerten lassen
7. Backups prüfen
- Integrität und Erreichbarkeit der Backup-Stände überprüfen
- Backup-Identitäten und -Konsolen auf Kompromittierung prüfen
- Backup-Stände vor dem mutmaßlichen Eintrittszeitpunkt bevorzugen
- Restore zunächst in isolierter Umgebung testen
- Immutable- und Offline-Kopien priorisieren
8. Wiederanlauf planen
- Wiederanlauf-Reihenfolge nach Geschäftsprozessen, nicht nach Lautstärke
- Saubere Wiederaufbauumgebung statt Bereinigung im laufenden Netz
- Schwachstellen schließen und Persistenzen entfernen, bevor Systeme produktiv gehen
- Identitäten breit zurücksetzen (Domain-Admins, Service-Accounts, KRBTGT)
- Monitoring intensivieren, da Reinfektionen möglich sind
9. Lessons Learned durchführen
- Vollständige Dokumentation des Vorfalls abschließen
- Strukturiertes Review mit Krisenstab, IT und Fachbereichen
- Notfallplan, Checkliste und technische Maßnahmen aktualisieren
- Schulung und Awareness-Inhalte gezielt anpassen
- Verbesserungen mit Verantwortlichen und Terminen versehen